Spieglein, Spieglein, ...

Wer kennt es nicht, das Märchen, in dem der Spiegel »nach der Schönsten im ganzen Land« befragt wird und dieser zunächst schmeichelnd antwortet, nur um dann am Ende doch genau das wider zu spiegeln, was die Fragende unter keinen Umständen hören möchte, nämlich das, was ihr größtes Problem zu sein scheint. Nun stelle ich mich nicht jeden Morgen vor den Spiegel und frage ihn, was er über mein Aussehen denkt. Ich nehme dies heute einfach nur als Metapher dafür, was uns im Leben – manchmal in Begegnungen, manchmal in Situationen – von unserem jeweiligen Gegenüber gespiegelt wird.

 

Weshalb ich diese Artikel-Überschrift gewählt habe, ist der Grund, dass mich derzeit ein anderer Spiegel begleitet und mir meine Befindlichkeiten aufs Feinste widerspiegelt.

 

Gestatten: Pio! – Mein Name. Ich lebe hier auf dem Campingplatz »Le Foci« mitten im Herzen des Nationalparkes der Abruzzen, bin in etwa 8 Monate alt und ein Mischling aus Schäferhund und »weiß nicht so genau was noch«.

 

»Pio« ist der Hund, für den ich mich extra auf den Weg zurück in die Abruzzen gemacht habe und den ich gerade versuche zu adoptieren. Ob es gelingt? Bisher sieht es ganz gut aus. Nun – wer baut schon gern tiefgehende Beziehungen innerhalb von ein paar Tagen auf, wenn er vorher so gut wie auf sich allein gestellt und permanent darauf bedacht war, zu überleben?! Das Schöne an »Pio« ist nicht nur sein Aussehen, sondern auch, dass er ein sehr positiv ausgeprägtes Sozialverhalten zeigt, trotz dem es wahrscheinlich nicht immer ganz einfach für ihn in der Vergangenheit war, alleine durchzukommen. Aber er hat es immerhin bisher geschafft. Vielleicht hatte er sogar in den ersten Wochen seines noch jungen Lebens eine menschliche Begleitung und wurde dann jedoch, als er flügge wurde, zunehmend anstrengender für seine Besitzer. Doch dies ist nichts als eine Vermutung meinerseits.

 

In den vergangenen 48 Stunden haben wir so etwas wie eine erste, nähere Bindung aufgebaut. Hierzu gehört, dass er seit zwei Nächten in meinem Bus schlafen darf. Das an sich war nicht nur für ihn äußerst aufregend, wobei er sich relativ zügig entspannt und leise schnarchend die Nacht verbracht hat, während ich in der ersten Nacht kein Auge zugetan habe.

 

Nachdem ich ihm dann das erste Mal die Leine angelegt hatte, wollte er keinen Schritt mehr laufen, hat sich einfach nur stur hingesetzt und – ich gebe zu – ziemlich vorwurfsvoll auf mich geblickt. Wie kann sie es wagen? Was soll das denn jetzt? Ging doch bisher auch ganz wunderbar ohne. Und was soll ich denn jetzt machen mit diesem Ding da an mir? So stelle ich mir in etwa »Pios« Gedanken vor, auch wenn mir natürlich jeder Hundetrainer sagen wird, dass Hunde in dem Sinne nicht denken. Trotzdem! Das ist irgendwie leichter für mich.

 

Da halfen zunächst weder Leckerlies noch gutes Zureden. Er wollte einfach nicht. Ihr könnt Euch vielleicht meine Verzweiflung und auch Unsicherheit vorstellen, oder? Immerhin bin ich das erste Mal in meinem Leben so etwas wie eine »Fast-Hundebesitzerin«. Nach einer verfrühten und ausgiebigen Zwangs-Mittagspause war ich so frustriert, dass ich ihm kurzerhand Halsband und Leine wieder abgenommen habe. Dann eben nicht! Bleibst Du eben hier. Du musst ja nicht mit, wenn Du nicht willst. Weißt ja nicht, wie einfach und gut du es bei mir haben könntest. Wie soll das denn bloß gehen? So in etwa waren dann meine Gedanken.

 

Nun aber, nachdem ich mich mit Leine und Halsband, aber ohne Hund auf den Weg zurück gemacht hatte, folgte er mir plötzlich aufmerksam. Okay! Ich habe noch viel zu lernen. Das Positive daran war, dass Pio mich mit meiner Unsicherheit und Verzweiflung sowie dem «nicht wissen was zu tun ist« über sein Verhalten ziemlich gut gespiegelt hat.

 

Auch nach einigen Tagen intensiver Betreuung und Zuwendung durch mich, würde er wahrscheinlich im Moment noch jede Gelegenheit nutzen, um sich aus dem Staub zu machen und z.B. den Tag mit denjenigen zu verbringen, die ihn nicht anleinen und die er – auch ohne Leine – auf die Wanderung begleiten darf. So ist er es gewohnt, so hatte er bisher seinen Spaß und seine soziale Anbindung, die wohl jeder – nicht nur Hund – benötigt.

 

Das Problem daran ist aber, dass im Nationalpark – aufgrund der dort lebenden Wölfe und Bären – keine freilaufenden Hunde erlaubt sind und er ggf. auch von Jägern abgeschossen werden könnte, falls er nicht schon vorher auf der stark befahrenen Straße von einem rasanten Fahrer ohne Rücksicht überfahren wird. Ist hier übrigens auch keine Seltenheit.

 

Laut Aussage der Campingplatzbesitzer gehört er niemandem und lebt hier er schon einige Monate auf dem Platz. Allerdings ist der Winter hier in den Abruzzen hart, es gibt eine Menge Schnee bei teilweise minus 20 Grad und der Platz ist geschlossen. Also kein Futter von irgendwelchen netten Touristen und definitiv keine sichere Unterkunft.

 

Kommt da etwa die Retterin in mir durch? Definitiv ein klares Nein. Ich mache es nicht, weil ich ihn retten möchte, ich nehme ihn mit, weil er an einem Tag in einer bestimmten Situation in mein Leben getreten ist, die für mich recht einprägend war.

 

Ja klar, ich habe auch ein paar Schuldgefühle und zwar dahingehend, einem Hund einfach so die Freiheit zu nehmen. Das ist auch ein kleines Thema. Aber letztlich – so auch die Aussage der Hundetrainerin »Carla« aus Pescasseroli, die hier täglich eine Stunde mit mir und Pio trainiert – ist es eine Chance für ihn, älter als nur 12 Monate zu werden, weil er den Winter mit großer Wahrscheinlichkeit ansonsten nicht überleben wird. Und für mich ist es eine Chance des von mir gewünschten Richtungswechsels in meinem Leben. Bitte – hier ist er!

 

Ich werde weiter berichten. In Kürze! Hier im Blog und auch auf Twitter. 

 

 

Kommentare: 9 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Petra Schuseil (Sonntag, 08 September 2013 14:23)

    Liebe Anja, ich wünsche Dir, dass Dir Pio weiter folgt und folgen wird ... eine schöne Zeit. Ich bin gespannt auf weitere Berichte. Herzlicher Gruß. Petra

  • #2

    Astrid (Sonntag, 08 September 2013 17:28)

    Hallo liebe Anja,

    wie schön wieder von Dir über deine Blogs zu hören und zu sehen. Pio ist soooooooooo süß. Ich verstehe sehr gut, dass du ihn gleich in Dein Herz geschlossen hast. Und bin ganz gespannt, was ihr beiden noch alles so erlebt. Chrischi und ich hatten gestern einen wunderschönen, sommerlichen Segeltag. Ganz viele liebe Grüße Astrid

  • #3

    Erika (Sonntag, 08 September 2013 19:59)

    Liebe Anja, hallo Pio,
    natürlich denken Hunde, und sprechen tun sie auch. Ist halt nicht so einfach zu verstehen.
    folge euch weiterhin. Viel Glück und liebe Grüße
    Erika

  • #4

    Reinhard Breitenstein (Sonntag, 08 September 2013 20:37)

    Oh Anja, schön, dass Du wieder auf "Strecke" bist. Da bin ich ja mal gespannt. Das hört sich sehr interessant an. Aber Vorsicht, die Liebe wächst von Tag zu Tag! Pio wird wissen, wo er es am besten haben könnte. Lübeck ist auch eine tolle Stadt für Hunde....

    Ganz liebe Grüße

    Reinhard

  • #5

    Thorsten (Sonntag, 08 September 2013 23:45)

    Hey Anja,
    wie - Hunde können nicht denken!? Sie können sogar sprechen, das wusste sogar schon Erich Kästner ...

    Ein Hund hält Reden

    Ich hab im Traum mit einem Hund gesprochen.
    Erst sprach er Spanisch. Denn dort war er her.
    Weil ich Ihn nicht verstand - das merkte er -
    sprach er dann Deutsch, wenn auch etwas
    gebrochen.

    Er sah mich ganz entsetzt die Hände falten
    und sagte freundlich: - Kästner wissen Sie,
    warum die Tiere die Schnauze halten?
    Ich schwieg. Und war verlegen wie noch nie.

    Der Hund sprach durch die Nase und fuhr fort:
    Wir können sprechen.Doch wir tun es nicht.
    Und wer, außer im Traum, mit Menschen spricht,
    den fressen wir nach seinem ersten Wort.

    Ich fragte Ihn natürlich nach dem Grund.
    (Ich glaubte nichts, was man mir nicht erklärt.)
    Da sagte mir dann der geträumte Hund:

    Das ist doch klar! Der Mensch ist es nicht wert,
    das man gesellschaftlich mit Ihm verkehrt.
    Er hob sein Bein, sprang flink durch krumme
    Gassen...
    Und so was muß man sich sagen lassen!

    Der Hund war ein Zyniker.

    Freue mich auf deine weiteren Blogs ....

  • #6

    Ingo (Montag, 09 September 2013 19:26)

    Hallo Kleine, der fellige Racker hat schon jetzt etwas geschafft, was viele Zweibeiner bei nicht geschafft haben oder besser gesagt, was du nicht zugelassen hast. Ich bin gespannt wie es weiter geht. Manchmal muss man auch einfach etwas machen und durch eine Tür gehen um zu sehen, was dahinter ist. Viel Glück auf deiner Reise.
    Liebe Grüße
    Ingo

  • #7

    Jörn H. (Dienstag, 10 September 2013 07:13)

    "Wo gehobelt wird, da fallen Späne!" = großartiges Foto!

  • #8

    Maren (Dienstag, 10 September 2013 21:15)

    Liebe Anja, der Name Pio ist sehr schön. Joachim und ich freuen uns, dass der huebsche Kerl auf Dich gewartet hat. Das sollte so sein! Ich glaube Du wirst einen großartigen und treuen Weggefährten mit nach Lübeck bringen. Und wie bereits angeboten, wir stellen uns als Pflegeeltern gern mal zur Verfügung. Wir wünschen Dir noch eine wunderschöne und interessante Fortsetzung Deiner Reise. Pass auf Dich auf bzw. lass ab sofort auf Dich aufpassen. Ganz liebe Grüße Maren und Joachim

  • #9

    Anja (Donnerstag, 12 September 2013 19:19)

    Liebe Leser,
    ich danke Euch für die schönen Kommentare. Und ja klar, habe mich nur nicht getraut zu schreiben, dass auch ich glaube, dass Hunde natürlich denken können. Sehe ich es doch jeden Tag am Ausdruck von Pio. Gerade denkt er, .... »Wie jetzt, schon wieder gehen? Wir waren doch erst. Och nee, lass' mich mal 'ne Runde schlafen. Später, gegen Mitternacht, da bin ich wieder fit.«
    Danke Thorsten, für das schöne Zitat von Kästner. Wahrscheinlich verhält es sich wirklich so. Ich lerne täglich dazu.
    Herzliche Grüße an Alle
    Anja