Ruhe und Stillsitzen ...

Ein Schauspiel ...
Ein Schauspiel ...

... und dann möglichst keinen daherkommenden Gedanken nachzueifern. Darin habe ich mich heute hier im Kloster S’ Anna versucht zu üben. Leicht fällt es mir nicht, Sekunden (nicht Minuten-) lang klappt es, von Stunden kann keine Rede sein. Dabei lädt die Klosteratmosphäre hier dazu ein.

 

In seinem Buch »Triffst du Buddha, töte ihn!« berichtet der Autor Andreas Altmann keineswegs von Mord und Totschlag. Vielmehr handelt es sich um einen Erfahrungsbericht. Der Autor erzählt über eine seiner Indien-Reisen und als Hauptinhalt darin von seinen Erfahrungen während einer 10-tägigen Meditation – dem Vipassana. Er begegnet dort einem Mann, seinem »Lehrer«, der trotz (oder gerade deswegen) Meditation ganz von dieser Welt scheint – »radikal spirituell« was Altmann mit »radikal antireligiös« gleichsetzt. 

 

Seine Suche nach dem Einen in Indien beschreibt er mit dem Satz »Wenn ich auf dieser langen Reise dem einen nicht begegne, von dem ich nichts weiß, als das ich ihn brauche, dann ist mir nicht zu helfen.«

Und er schwört, den Weg nach innen nur anzutreten, wenn der Weg auch nach außen führt, zurück in die Welt. »Nichts wäre absurder, als sich nach innen zu verziehen, um der Welt, diesem Weltwunder, zu entsagen«. Warum er das tut? Wohl auch um zu lernen, im Augenblick zu leben. »... immer da zu sein, wo ich gerade bin«. 

 

Das gefällt mir, das möchte ich auch! Ja, wirklich? Durchaus! Nur das »wie« ist mir noch nicht ganz klar. Merke ich doch, wie rastlos ich manchmal bin, zu schnell um den einzelnen Augenblick intensiv wahrzunehmen. Aber von alleine kommt das nicht. Da hilft kein »Beten und Bitten«, kein Drängen. Das geht nur mit »den Fuß vom Gas nehmen«. Jetzt muss ich lachen! Na, wenn das nicht zu meiner Reise mit dem Bus passt. 

 

Im Wandern fiel mir ein Satz zu: Manchmal frage ich mich, ob ich nicht langsamer viel schneller ans Ziel kommen würde. In der Langsamkeit, in der sich Achtsamkeit entwickeln kann, lässt sich das Ziel, sofern es denn eines gibt, vielleicht sogar auch schneller erreichen. Aber geht es immer darum, einem Ziel nachzurennen? Vielleicht ist ja das Ziel im Weg? Das habe ich irgendwann mal auf einer dieser Sprüche-Postkarten gelesen.

 

Mir hat mal ein Mönch in Sri Lanka aus der Hand gelesen. In meiner Neugier wollte ich hören, was er mir zu sagen hat. Erschreckend, was so eine Hand alles preisgeben kann. Darunter glücklicherweise mehr Beruhigendes als Unberuhigendes (man sieht und hört nur das was man hören will), vor allem aber auch die Aussage: »Du bist zu ungeduldig!« Ah ja! Sicher bin ich nicht der einzige Mensch aus dem Abendland, auf die diese Aussage so zutreffend passt. Aber er hatte Recht damit. Mal eben in die Hand geschaut und schon die Wirklichkeit dahinter erkannt. 

 

Was mir im Buch von Altmann auch gut gefällt ist, dass er per »Zufall« im Vipassana-Center angekommen ist, im Gepäck eigentlich eine andere Adresse die er aufsuchen wollte.  »Es ist die absolut verkehrte Adresse und es ist ... der absolut rechte Ort«. 

 

Das, was wir suchen, findet uns anscheinend manchmal (wenn wir nicht zu schnell sind, um gefunden zu werden). Ich bin von der Wirkung einer universellen Energie – der Energie des Universums und der Energie der verschiedenen uns umgebenden »Felder« – überzeugt. Was Altmann darüber denkt, da bin ich mir nicht sicher. Vielleicht durchschaue ich ihn beim Lesen weiterer Bücher etwas besser.

 

Seine Sprache ist recht wortgewaltig – im Positiven wie im scheinbar Negativen Sinne. Er ist radikal in seinen Aussagen, schonungslos, gibt seine Ansichten ungeschönt und doch voller Aufrichtigkeit und manchmal auch sensibel wieder. Ein Suchender, der findet und gefunden wird, der mit sich und der Welt ehrlich ins Gericht geht, nicht immer mit schönen Worten. Das ist durchaus erlaubt!

 

Im Vergleich der Ansichten und Verhaltensweisen verschiedener Religionen schreibt er den Satz »Mich wundert woher diese Lust nach Erniedrigung kommt. Statt die Lust nach Würde, Grandezza und Selbstachtung zu fördern.« Das ist ein starker Satz, finde ich. Und Recht hat er – einerseits! Andererseits – was ist mit denen, die durchaus Kraft aus einer Religion schöpfen, denen, die nicht ständig palavern, ihre Religion sei die einzig Richtige? Auch diese benennt er irgendwo und sie kommen einigermaßen gut weg. Das beruhigt mich, unabhängig von meiner persönlichen Einstellung dazu. 

 

Mich hat das Buch fasziniert und immer wieder polarisiert, will sagen, auf der einen Seite stimme ich vollkommen zu und nicke heftig, auf der nächsten Seite denke ich »was für ein Blödmann«. Sorry, seine Sprache, die ich da kurz mal übernehme.

Er be- und verurteilt und will sich doch eigentlich und irgendwie auch weit davon entfernt wissen, oder habe ich das nicht richtig aufgefasst? Bisweilen haben mich seine geschriebenen Sätze neben aller Faszination auch getroffen. Dann ist ja meistens was dran. Manchmal musste ich auch lachen – so viel Lebensweisheiten und -ansichten in einem einzigen Buch serviert zu bekommen, ... Altmann aber scheint bereits einige Erfahrungen mit Meditationen zu haben und erlaubt sich seine Ansichten. Gut so! Ich noch nicht. Auch gut so!

 

Drei Sätze aus seinem Buch, die mich berühren, ja bewegen (schwierig mich hier zu entscheiden, es gibt noch so viele weitere Sätze, die mich sehr angesprochen haben):

 

  • Einer der Beweggründe für das Reisen ist der Wunsch, das zu verlassen, was man schon kennt, eben das, was einem vertraut ist, ja oft schon ermüdet, schon lange nicht mehr begeistert. »... Und man zieht los, um das aufzusuchen, was fremd ist, unvertraut.«
  • Du bist für dein Leben verantwortlich und kein außerirdisches Wesen wird deine Abstürze und Notlandungen verhindern. Auch nicht dein Glück.
  • Erwachsene sind all jene, die aufgehört haben, nach Sündenböcken zu suchen, und bereit sind, Verantwortung für das zu übernehmen, was sie tun.

 

Vielleicht ist dieser Blogtext eine Anregung für Euch, das Buch zu lesen. Ich kann es sehr empfehlen.

 

 

Kommentare: 3 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Astrid (Donnerstag, 20 Juni 2013 15:46)

    Hi Anja,

    ich weiß nicht, ob Du noch mal in die bereits gewesenen Kommentare reinschaust?
    Mir ist erst heute etwas zum Thema Ruhe und Stille eingefallen. Ich war ja schon immer etwas langsam und habe den Eindruck, je schneller es im Aussen wird, desto langsamer werde ich. Vielleicht täuscht es auch und mein Tempo ist geblieben, nur im Aussen ist es schneller geworden? Möglicherweise braucht es Menschen wie mich, um einen Ausgleich im Großen und Ganzen zu schaffen.?

    Hier nun mein Gedanke zur Ruhe und Stille: Du bist der Punkt im Kreis. Wenn Du Dich auf Deinen Punkt konzentrierst, dann wirst Du still und kommst zur Ruhe.(klappt nicht immer bei mir. Da sind wohl auch Geduld und dranbleiben gefragt)

    Weiterhin viel wärmendes für Deine Seele
    Astrid

  • #2

    Peter (Donnerstag, 11 Juli 2013 12:05)

    Liebe Anja,

    wir sind zurück aus Apulien. Es war wunderschön und erholsam. Und wie ich sehe, bist Du inzwischen geografisch auf der gleichen Höhe angekommen. Sollte auf der Rückfahrt die Zeit noch reichen, empfehle ich Dir einen Abstecher nach Galipoli, Leuca, Castro, Otranto und Lecce … traumhafte Landschaft, sympathische Städte und grandioses Essen.

    Während der 14 Tage im Süden habe ich Andreas Altmanns Buch »Triffst Du Buddha, töte ihn!« gelesen und bin froh, dass ich es irgendwann weglegen konnte (ich habe nur den ersten Teil und den Schluss geschafft). Selten habe ich ein Buch gelesen, dass so auf den Effekt abzielt. Ja, es ist unterhaltsam, gut beobachtet und teilweise auch lustig. Aber immer hatte ich den Eindruck, der Autor würde rufen: Schaut her, wie toll ich das geschrieben habe. Ihn SELBST wahrgenommen, habe ich dabei nicht. Schade eigentlich bei einem solchen Thema.

    Und da die Buchempfehlung ja von mir kam, will ich Dir ein neues Indien-Buch mit viel SELBST und TIEFE empfehlen:

    Sudir Kakar: »Die Seele der Anderen – Mein Leben zwischen Indien und dem Westen«

    Der Klappentext sagt: »Der große Psychoanalytiker Sudhir Kakar legt in diesem Band sein eigenes Leben "auf die Couch". Die tiefen und bleibenden Eindrücke, die das Leben in eine andere Bahn bringen, die Konflikte in der Familie, das Verblassen mancher Gefühle und die ständige Suche nach einem Ausgleich zwischen inneren Gewissheiten und äußeren Notwendigkeiten verwebt er zu einem beeindruckenden Selbstporträt. Wir verfolgen den Weg aus der Geborgenheit einer indischen Mittelschichtsfamilie im Punjab, damals noch Teil des britischen Kolonialreichs, sehen die seelischen Verwerfungen, die die gewaltsame Ablösung Pakistans hinterließ, erreichen das Deutschland der 1960er Jahre in Hamburg, Mainz und Mannheim und verfolgen schließlich die Karriere, die sich anbahnt, als Sudhir Kakar auf Erik Erikson trifft und sich unter seiner Ägide zu einem der großen Kulturvermittler zwischen Indien und dem Westen entwickelt. Sudhir Kakars Erinnerungen und Reflexionen erhellen nicht nur die Entfaltung der inneren Welt eines indischen Psychoanalytikers, sondern gewähren uns auch Einsichten in die tieferen Schichten der Auseinandersetzung zwischen den Kulturen.«

    Mir hat das Buch Lust auf die nächste Indienreise bereitet. Im Dezember ist es soweit.

    So, und nun wünsche ich Dir weiterhin gute Fahrt auf den Serpentinen der Küstenstraße und durchs Leben.

    Ich habe Deinen Blog in jeder Hinsicht im Auge.

    Peter

  • #3

    Anja (Donnerstag, 11 Juli 2013 17:37)

    Ciao lieber Peter,
    hab Dank für Deinen Kommentar und den Buchtipp. Ich bin schon sehr gespannt auf das Buch. Ja, Altmann ist etwas anstrengend in seiner Selbstdarstellung. Und doch gab es in seinem Buch ein paar Aussagen, die mich bewegt haben. Letztlich scheint er ein rastloser Geist wie die meisten von uns und versteht es dabei mit seiner Sprache darauf aufmerksam zu machen.
    Ciao e Ci Vediamo
    Anja
    P.S. Und danke für die Reisetipps, werde ich auf jeden Fall mitnehmen.